Kurz nach Veröffentlichung meines Romans "Für dich bis ans Ende der Welt", startete ich eine Leserunde bei Lovelybooks. Der Roman bekam durchweg gute Bewertungen, dennoch äußersten viele der Leserinnen, dass sie sich ein "romantischeres" Ende gewünscht hätten. Als Dankeschön für die rege Teilnahme an der Runde, habe ich mich dann entschlossen, dieses Special zum Buch zu schreiben. Viel Freude damit.

 

 

Special zu »Für dich bis ans Ende der Welt«

 

 25. Mai 2017 – Hall's Eden / Neuseeland

Kann man vor Glück verrückt werden? Diese Frage hatte Madeleine sich in den letzten Wochen und Monaten nicht nur einmal gestellt. Im Gegenteil, sie hatte sich das sogar sehr oft gefragt. Immer dann, wenn die Emotionen zu stark wurden. So stark, dass sie glaubte, das Herz würde ihr aus der Brust springen. Wenn sie meinte, dass der Boden unter ihr sich plötzlich in eine glibberige Masse aus Wackelpudding verwandelte oder auch, wenn das Blut in feurigen Wellen durch ihre Adern schoss. Vor allem aber, wenn sie dieses Lied hörte. Es hörte, obwohl es gar nicht gespielt wurde. Wie in diesem Moment! So musste es sein, wenn man den Verstand verlor.

 

Ed Sheerans »Perfect« war eine besondere Liebeserklärung von Matt gewesen, und das Lied hatte Madeleine nur selten losgelassen seit diesem Abend am Strand, an dem sie und Matt sich das erste Mal geliebt hatten. An der gleichen Stelle, an der Matt sie kurz nach ihrem Eintreffen auf Hall`s Eden »rettete«, als sie hilflos wie ein kleines Kind im Sand gelegen hatte. Niemals würde sie das vergessen. Und schon gar nicht, wie Matt sie am 1. Weihnachtstag abends an eben diesen Platz zurückgebracht hatte und sie im warmen Sand unter dem einzigartigen Sternenhimmel Neuseelands eins geworden waren. Nachdem Matt sie mit einem romantischen Picknick überrascht und nachdem er ihr eben dieses Lied vorgespielt hatte. Mit seinem Ipod in der Hand und mit einem total verliebten Ausdruck in den Augen.

 

Dieser gleiche verliebte Blick traf sie auch jetzt, als Matts verstrubbelter Haarschopf sich unter der Bettdecke hervorschob. Wenn auch begleitet von einem unverschämt schelmischen Grinsen.

 

»Na Süße, wirst du gerade wieder von Eddy heimgesucht, oder wieso schaust du so verschreckt?«, neckte er sie glucksend und Madeleine stöhnte leise auf. Nicht etwa, weil dieser freche Kerl sie kurz zuvor mit seinen forschen Liebkosungen zum wiederholten Mal in den letzten Stunden in ein anderes Universum katapultiert hatte, sondern weil sie es gerade mal wieder bitterlich bereute, ihm von ihrem »Problem« erzählt zu haben. Mit einiger Mühe löste sie ihre Finger, die noch immer im Bettlaken festgekrallt waren, aus dem Satinstoff und schubste den Mann, der sich zwischenzeitlich der Länge nach über sie geschoben hatte, empört an.

 

»Du bist ein solcher Blödmann, Matthew Hall!«, fauchte sie und machte einen Schmollmund.

 

Matt lachte. »Nanana, Miss Schumann! Wer wird denn so ungnädig sein nach letzter Nacht und nach einem Morgen wie diesem? Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, dich gutgelaunt in den Tag zu entlassen.«

 

»Hm!«, grummelte Madeleine verstimmt.

 

Matt stützte seine Hände links und rechts neben ihrem Kopf auf und sah sie strafend an. »Wie jetzt? Ein bisschen mehr Begeisterung hätte ich schon erwartet.«

 

»Nicht, solange du mich immer damit aufziehst!«, zischte Madeleine. »Das ist nämlich wirklich nicht witzig.«

 

Matt wurde ernst und er sah sie nachdenklich an. Dann nickte er. »Du hast recht! Witzig ist das nicht. Aber süß, wenn du ›mein‹ Lied für dich nicht aus dem Kopf bekommst.« Er schaute ihr tief in die Augen, bevor seine Lippen sich auf ihre senkten und er sie leidenschaftlich küsste. Wie von selbst umschlang Madeleine ihn mit ihren nackten Armen und presste ihn fest gegen sich, spürte sein Gewicht, das auf ihr lastete, gar nicht. Und während ihre Zungen einen heißen Kampf miteinander ausfochten, fuhren ihre Fingernägel über die Haut seines muskulösen Rückens.

 

Jetzt war es Matt, der aufstöhnte. Schwer atmend löste er sich von ihr. »Es macht mich wahnsinnig, wenn du das tust, weißt du das?«

 

Madeleine kicherte. »Dann sind wir ja schon zwei Bekloppte, na super.«

 

Matt streichelte ihr sanft über die Wange. »Zwei Bekloppte, die sich gesucht und gefunden haben, was nicht selbstverständlich ist, wenn man bedenkt, dass wir an entgegengesetzten Enden der Welt geboren und aufgewachsen sind. Fast schon ein Wunder, dass wir uns begegnet sind.«

 

»Es hat so sollen sein, Matt«, flüsterte Madeleine und zog seinen Kopf ganz nah zu sich, nur um im gleichen Moment die Augen zu verdrehen, weil Mister Sheeran sich unverschämterweise erneut in ihre Gedanken und ihr Gehör schlich. Was Matt sofort erriet.

 

»Nun lass ihn doch!«, meinte er lächelnd. »Zumal er recht hat. Du bist perfekt. Jedenfalls für mich!«

 

Madeleine errötete sanft und wie schon beim ersten Mal, als Matt das zu ihr gesagt hatte, damals in ihrer ersten gemeinsamen Nacht, war nicht der geringste Zweifel da, dass er es auch so meinte. Ihm war es tatsächlich egal, dass sie nur noch einen Unterschenkel besaß und was noch erstaunlicher war, er hatte es in den wenigen Monaten, die sie nun zusammen waren, mühelos geschafft, dass es auch sie nicht mehr störte. Dafür liebte sie ihn gleich noch ein bisschen mehr, obwohl das kaum möglich war.

 

Mehr Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, denn Matt ergriff wieder Besitz von ihren Lippen. Küsste sie, als wäre es das erste Mal, um dann mit seinem Mund und seinen Händen erneut ihren Körper zu erkunden.

 

»Was tust du da?«, brachte Madeleine unter Mühen hervor, als seine Lippen die zarte Haut zwischen ihren Brüsten liebkoste.

 

»Was glaubst du denn?«, raunte Matt und ließ sich nicht weiter beirren.

 

»Nix da, Freundchen!«, tadelte Madeleine ihn und versuchte, ihn von sich herunter zu schieben. Ohne Erfolg. »Matt, bitte, wir müssen aufstehen! Mal abgesehen davon, dass ich wegen letzter Nacht ein total schlechtes Gefühl habe, wird es wirklich Zeit. Du musst doch noch mit Ivy reden! Nicht, dass die völlig verstimmt in ihren Hochzeitstag startet. Und ich brauche auch noch ein bisschen Zeit für mich.«
Matt hob den Kopf und schaute sie stirnrunzelnd an. »Hast du gerade gesagt, du hast wegen letzter Nacht ein schlechtes Gefühl? Nach allem, was gewesen ist? Tut mir leid, Miss, das kann ich natürlich so nicht hinnehmen. Ich werde mir also noch mehr Mühe geben und alles in meiner Macht Stehende unternehmen, um dir ein gutes Gefühl zu geben. Ein sehr gutes Gefühl sogar.« Mit diesen Worten presste er seinen gestählten Körper gegen ihren und gab ihr damit den letzten Beweis, dass er es ernst meinte. Verdammt ernst sogar.

 

 

 

Eine halbe Stunde später zog Matt die Tür von Madeleines Zimmer leise ins Schloss und machte sich genauso lautlos auf den Weg nach unten, während er sein hellblaues Hemd zuknöpfte und in seine Jeans steckte. Er hatte schon fast den letzten Absatz der weitläufigen Treppe erreicht, als eine donnernde Stimme ihn ausbremste.

 

»Junger Mann, wohin des Weges?«

 

Matt verharrte und senkte ertappt den Kopf, als der strafende Blick von Tahuna Mitchell ihn traf, die am Fuß der Treppe stand.

 

»Ich habe dich etwas gefragt, Matthew Hall.«

 

Er räusperte sich verlegen. »Äh, ich wollte zu meinem Appartement.«

 

»Aha! Das habe ich mir beinahe schon gedacht. Und darf ich dann auch noch erfahren, wo du gewesen bist?«

 

Man sah Matt an, wie unbehaglich er sich fühlte, aber Tahuna kannte keine Gnade. »Nun?«

 

»Das weißt du doch ganz genau, Herrgott noch mal!«, stieß Matt ungehalten aus. »Und wage ja nicht, das zu verurteilen, hörst du?«

 

Tahuna erwiderte nichts, schaute ihn stattdessen nur weiter streng an. Doch dann verzog sich plötzlich ihr Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Jetzt entspann dich mal, mein Junge! Ich habe absolut kein Problem damit, dass du bei deiner Liebsten warst. Im Gegenteil! Wer wüsste besser als ich, dass man jede Sekunde seines Glücks genießen sollte. Also was mich betrifft, ist alles gut. Gleiches kann ich allerdings nicht von Miss Vicky behaupten. Sie würde dir den Kopf abreißen, wenn sie das hier wüsste, das ist dir hoffentlich klar. Du weiß, wie sehr ihr daran gelegen ist, dass ...«

 

»Ja ja«, fiel Matt ihr ins Wort. »Sie muss es ja nicht erfahren. Das heißt, wenn du es schaffst, deinen Mund zu halten.«

 

Tahuna klappte selbiger auf und sie schenkte ihrem Gegenüber einen vernichtenden Blick. »Willst du etwa behaupten, ich wäre eine Klatschtante? Pass auf, was du sagst! Auch wenn du längst ein erwachsener Mann bist, kann ich dir nämlich immer noch die Ohren langziehen, wenn es sein muss, verstanden?«

 

Matt hob abwehrend die Hände. »Schon gut, schon gut!«, erwiderte er schmunzelnd. »Das war nur ein Scherz.«

 

»Aber ein besonders schlechter«, murrte Tahuna.

 

»Bist du dann jetzt durch mit der Inquisition? Ich wollte mich nämlich noch kurz umziehen, bevor ich zum Verwalterhäuschen gehe und die ›Mission‹ beginne.«

 

»Das ist auch ein Grund, warum ich hier bin. Um dich zu holen. Miss Vicky hat nämlich Bedenken, dass du dich verschlafen könntest. Na ja, ich hätte ihr gleich sagen können, woher der Wind weht, aber wie gesagt, ich tratsche nicht.«

 

Matt verschränkte die Arme vor der Brust. »Sicher!«, meinte er, krampfhaft bemüht nicht zu lachen. »Und was heißt ›auch?‹ Was wolltest du denn außerdem noch?«

 

»Nun, Miss Vicky meinte, ich sollte Maddy ein wenig zu Hand gehen.«

 

Matt starrte sie entsetzt an. »Was? Das hat sie zu dir gesagt? Vor Ivy?«

 

Tahuna schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Keine Bange, Mama ahnt nach wie vor nichts.«

 

Er atmete erleichtert auf. »Gut so! Dann werde ich mich jetzt mal sputen.«

 

»Mach das! Und ich gehe zu Maddy.«

 

Matt grinste sie verwegen an. »Vielleicht gibst du ihr noch einen Moment. Schätze, sie muss sich erst einmal sammeln.« Mit diesen Worten nahm er beschwingt die letzten Stufen und lief an Tahuna vorbei in den Seitentrakt der Lodge, in dem seine Wohnung lag.

 

Kopfschüttelnd sah Tahuna ihm nach. »Männer!«, brummte sie, musste aber doch lächeln.

 

 

 

 

 

»Vicky, bei aller Liebe, aber das geht zu weit!«, fauchte Ivy Mitchell ihre beste Freundin Victoria Hall an, die ratlos das blaue Strumpfband in ihren Händen drehte.

 

»Was? Aber warum denn? Du weißt doch: Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes und etwas Blaues – so will es die Tradition.«

 

Ivy rollte mit den Augen. »Jesus, man kann es aber auch übertreiben. Jeden Unfug habe ich bislang mitgemacht, aber jetzt ist Schluss.«

 

Victoria zog die Augenbrauen hoch und schenkte Ivy, die in einem Bademantel auf dem Bett saß, einen bösen Blick. »Unfug? Ich höre wohl nicht richtig. Du warst es doch, die sich eine traditionelle Hochzeit gewünscht hat. Mit allem Drum und Dran. Und ich als deine Brautjungfer trage nun mal die Verantwortung, dass allem genüge getan wird. Sieh mal, du trägst die Kette, die Aka dir zur Geburt von Tahuna geschenkt hat, die ist also alt…«

 

»Lass das bloß nicht meine Tochter hören!«, unterbrach Ivy sie schmunzelnd.

 

» … und dein Kleid, das ist neu«, fuhr Victoria unbeirrt fort. »Die Handtasche, die habe ich dir geborgt, also fehlt jetzt nur noch etwas Blaues.«

 

»Das mag sein, aber dieses Ding da werde ich ganz bestimmt nicht anziehen.«

 

»Aber warum denn nicht?«

 

»Ganz einfach, weil Aka nicht mehr der Jüngste ist. Willst du, dass er sich in unserer Hochzeitsnacht totlacht? Denn genau das würde passieren. Ich habe auf so einen Firlefanz noch nie etwas gegeben. Nicht mal, als ich ein junger Hüpfer war. Da werde ich auf meine alten Tage ganz bestimmt nicht damit anfangen.«

 

»Herrje, Ivy! Es ist doch nur ein Strumpfband. Man kann sich aber auch wirklich anstellen.«

 

»Ich stelle mich nicht an. Vorschlag: Schau mal in die oberste Schublade meiner Kommode. Da ist eine blaue Unterhose drin. Die wird es auch tun.«

 

Victoria klappte die Kinnlade runter: »Das kann unmöglich dein Ernst sein! Du willst eine blaue Unterhose unter diesem schönen Kleid tragen? Aber das geht doch nicht …«

 

Ivy lachte. »Und ob das geht! Du wirst schon sehen.«

 

»Und was mache ich dann mit dem Strumpfband? Das Ding hat ein Vermögen gekostet.«

 

Ivys Miene verfinsterte sich. »Das kannst du ja Maddy schenken. Das heißt, falls dein Enkel jemals soweit sein sollte, seine Freundin zu heiraten.«

 

Victoria stöhnte leise auf und ließ sich auf den Stuhl fallen, der neben der Kommode stand. »Lieber Himmel, Ivy! Wie lange willst du deswegen noch die beleidigte Leberwurst spielen? Die beiden wollen sich halt noch ein bisschen Zeit lassen, das ist alles.«

 

»Papperlapapp! Wofür denn noch Zeit lassen? Ein Blinder kann sehen, dass sie verrückt nacheinander sind. Außerdem sind sie doch jetzt schon ganze fünf Monate zusammen. Warum also noch länger warten? Ich hätte eine Doppelhochzeit so schön gefunden.«

 

Victoria atmete tief durch. »Das weiß ich, Liebes, aber es ist nicht deine Entscheidung. Und ich hoffe sehr, dass du Matt deswegen nicht noch länger zürnen wirst.«

 

Ivy zuckte mit den Schultern. »Das kann ich dir nicht versprechen. Was ist nun? Holst du mir die blaue Unterhose, oder soll ich es selber tun? Außerdem wird es auch Zeit für den Rest meines Outfits, sonst muss Aka am Ende noch auf mich warten. Keine gute Idee!«

 

»Bis zur Trauung haben wir noch fast eine Stunde, Darling.«

 

»Schon möglich. Lass uns trotzdem anfangen!«

 

Victoria lächelte. »Sind wir vielleicht ein wenig aufgeregt?«

 

Ivy zog ihr eine Grimasse. »Ob du es bist, weiß ich nicht, aber ich für meinen Teil bin es sehr wohl. Und jetzt mach endlich!«

 

Beide schraken zusammen, als es plötzlich klopfte. Sekunden später lugte ein Kopf mit dunklen Haaren, die nur vereinzelt graue Strähnen aufwiesen, durch die Tür und genauso schnell wurde er wieder zurückgezogen, als nämlich eine Haarbürste durch das Zimmer flog und ihn um Haaresbreite verfehlte.

 

»Ich fasse es nicht, dass du das wagst, Akahata Neholo!«, schimpfte Victoria wutentbrannt. »Du darfst das Kleid nicht vor der Trauung sehen, das bringt Unglück!«

 

»Das ist der Glaube der Pakeha, aber nicht meiner«, murrte Aka durch den Türspalt. »Außerdem hat sie das Kleid doch noch gar nicht an.«

 

»Aber es hängt hier am Schrank, herrje.«

 

»Was ist denn los, Aka?«, rief Ivy besorgt dazwischen. »Gibt es Probleme?«

 

»Nein, keine Probleme«, erwiderte Aka. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe.«

 

Ivy legte verträumt eine Hand auf ihr Herz. »Hach, ist er nicht goldig, mein Verlobter?«

 

»Und wie!«, meinte Victoria mit rollenden Augen und rief in Richtung Tür: »War’s das dann, Aka?« Sie drehte sich um und ging zur Kommode.

 

»Ja, ich …, ich geh dann mal wieder und zieh mich um«, antwortete der Maori.

 

»Mach das, mein Schatz«, rief Ivy. »Und ich liebe dich übrigens auch.«

 

Aka erwiderte nichts, aber man konnte förmlich spüren, wie er da draußen stand und selig grinste, bis er schließlich die Tür lautlos wieder ins Schloss zog, während Victoria in der Kommode wühlte.

 

»Was machst du eigentlich da?«, meinte Ivy, als sie den romantischen Kurzbesuch ihres Verlobten halbwegs verdaut hatte.

 

»Na, ich suche nach dieser vermaledeiten Unterhose.«

 

»Ach so!«, kicherte Ivy.

 

 

 

Dreißig Minuten später stand Victoria staunend vor ihrer Freundin. »Du siehst umwerfend aus, Liebes!«

 

Ivy musterte sich kritisch im Spiegel. »Na ja, für eine beinah fünfundachtzigjährige Frau noch ganz passabel, würde ich sagen.«

 

»Das ist mehr als ganz passabel.« Victorias Blick wanderte bewundernd über Ivys zierliche Gestalt. Das schlichte weiße Kleid aus fließender Seide reichte bis zum Boden und schmeichelte ihrer Figur. An den langen Ärmeln und an dem dezenten Ausschnitt war es mit einer Borte abgesetzt, deren rote Farbe hervorragend mit dem Kranz aus Mohnblüten harmonisierte, den sie in ihrem kurzen grauen Haar trug. Sie strahlte eine natürliche Eleganz aus, die Victoria noch nicht sehr oft an ihr bemerkt hatte, war Ivy doch eher der burschikose Typ. Heute aber, an ihrem großen Tag, war sie alles andere als das. Aka würde dahinschmelzen.

 

»Nein, im Ernst, Ivy!«, unterbrach Victoria ihre eigenen Gedankengänge. »Du siehst wunderschön aus. Und mindestens zwanzig Jahre jünger.«

 

»Wie bitte?«, prustete Ivy los. »Wenn das so ist, dann werde ich dieses Kleid für den Rest meines Lebens jeden verdammten Tag tragen, das schwöre ich dir.«

 

Victoria trat an sie heran und legte eine Hand an Ivys Wange. »Es ist nicht das Kleid, jedenfalls nicht nur. Es ist das Leuchten in deinen Augen. Ach Liebes, ich freue mich so für dich.« Sie schluckte schwer und konnte nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.

 

Ivy erschrak. »Nein, Vicky. Bitte nicht weinen! Das könnte ich nicht ertragen. Ich weiß, dass es heute schwer für dich ist, aber …«

 

»Schwer für mich?«, wiederholte Victoria irritiert, doch dann verstand sie. »Du meinst, wegen Duncan?«

 

Ivy nickte betrübt.

 

»Dummerchen, was denkst du denn da? Dass ich dir dein Glück nicht gönne? Duncan fehlt mir, ja, aber wenn ich heute Tränen vergieße, dann nicht deswegen, sondern nur wegen dir und Aka. Fast ein ganzes Leben lang seid ihr nun schon verbunden, aber heute, ja heute, da besiegelt ihr eure Liebe mit eurer Hochzeit. Wenn das kein Grund ist, Freudentränen zu vergießen.«

 

Ivy sah sie misstrauisch an. »Und das ist wirklich alles?«

 

Victorias Stirn legte sich in Falten. »Natürlich! Oder willst du mich etwa der Lüge bezichtigen, Ivy Mitchell?«

 

»Dass es so sein könnte, ist ja wohl nicht ganz ausgeschlossen, meine liebe Vicky. Oder muss ich dich erst daran erinnern, wie du damals Miss Lakehurst frech angeschwindelt hast? Ich meine, als du zu spät gekommen bist?«

 

Victoria schnappte nach Luft. »Miss Lakehurst? Unsere Lehrerin? Erstens war das nur eine kleine Notlüge und zweitens ist das über siebzig Jahre her, Herrgott. Wie lange willst du mir das noch vorhalten?«

 

Die beiden Frauen starrten sich grimmig an, brachen dann aber unvermittelt in lautes Gelächter aus. »Du bist unmöglich, Ivy!«, gluckste Victoria.

 

»Ich würde sagen, dito!«, tat Ivy es ihr gleich.

 

 

 

Beide sahen auf, als es erneut an der Tür klopfte.

 

»Das wird Tahuna sein«, meinte Ivy. »Habe mich sowieso schon gewundert, dass sie einfach so verschwunden ist.«

 

Victoria nickte mit undurchdringlicher Miene, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Matt stand davor und grinste sie an.

 

»Na endlich, mein Junge!«, zischte sie ungehalten. »Wo warst du denn so lange?«

 

Matt wurde rot. »Äh, ich wurde aufgehalten, aber jetzt bin ich ja hier.«

 

Victoria Miene wurde schlagartig weicher, als sie den älteren ihrer beiden Enkelsöhne musterte, der mit seinem dunklen Anzug, dem weißen Hemd und der grauen Krawatte völlig verändert wirkte. »Schick siehst du aus!«, meinte sie leise und musste gleich noch einmal ein paar Tränchen wegzwinkern. »Wie einst dein Großvater.«

 

Matt lächelte, beugte sich etwas nach vorne und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. »Danke, Nana. Und? Wo ist denn nun die Braut?«

 

Victoria öffnete die Tür ein Stück weiter und gab den Blick frei auf Ivy, die stirnrunzelnd dem Besucher entgegensah.

 

»Was will der denn hier?«, knurrte sie ungehalten.

 

»DER will dir alles Gute für den heutigen Tag wünschen«, erwiderte Matt sanft und ignorierte die Schärfe ihrer Worte.

 

»Nun, ich lasse euch beiden dann mal allein«, sagte Victoria.

 

»Was? Aber wieso das denn?«, stieß Ivy entrüstet aus, aber da war ihre Freundin schon an Matt vorbei durch die Tür entwischt.

 

»Darf ich eintreten?«, fragte Matt leise.

 

»Schätze mal, du lässt dich sowieso nicht aufhalten«, fauchte Ivy, wandte sich von ihm ab und ging zum Fenster. Stoisch starrte sie nach draußen.

 

Matt seufzte, schloss die Tür hinter sich und trat zu ihr.

 

»Wollen wir uns nicht vertragen, Ivy?«, meinte er vorsichtig.

 

»Vertragen? Ich wüsste nicht, dass wir uns gestritten hätten.«

 

»Gestritten vielleicht nicht, aber du redest seit fast vier Wochen kein einziges Wort mit mir. Meinst du nicht, dass es jetzt genug ist? Schließlich habe ich dir nichts getan.«

 

Aufgebracht sah sie ihn an. »Ach ja? Bist du dir da völlig sicher?«

 

»Aber Ivy, ich habe dir doch erklärt, dass Maddy und ich noch ein wenig warten wollen, bevor wir heiraten. Das hat rein gar nichts mit dir und Aka zu tun.«

 

»Mag sein. Trotzdem hätte ich es mir so sehr gewünscht. Es wäre ein wunderbares Zeichen gewesen für die Verbundenheit der Halls und der Neholos, aber bitteschön, dann eben nicht.«

 

Matt griff nach ihrer Hand, was sie nur widerwillig zuließ. »Braucht es denn ein solches Zeichen, Ivy? Ich denke nicht, dass das nicht nötig ist. Unsere Familien sind seit so vielen Jahrzehnten miteinander verbunden, haben Freud und auch Leid miteinander geteilt. Sie sind so eng zusammengeschweißt, dass nichts sie auseinanderbringen kann. Ist es nicht das, was zählt? Was zählen sollte?«

 

Ivy blieb stumm, doch schließlich nickte sie langsam. »Das stimmt. Trotzdem wäre es wunderbar gewesen, wenn …«

 

»Ich weiß!«, unterbrach Matt sie. »Aber jetzt ist es eben so und du solltest deinen Groll darüber begraben. Oder willst du dir dadurch den Tag vermiesen lassen?«

 

Ivy schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht«, antwortete sie versöhnlich. »Aber das eine sage ich dir, dafür wird ein Neholo Pate eures ersten Kindes, Auswahl gibt es ja reichlich.«

 

»Hoppla«, lachte Matt. »Alles zu seiner Zeit!«

 

Ivy stimmte in sein Lachen mit ein.

 

»Du bist übrigens eine sehr hübsche Braut.«

 

Ivy rollte mit den Augen. »Ja klar. Wer's glaubt, wird selig, und wer nicht, der kommt auch in den Himmel.«

 

Matt hob ihre Hand und hauchte einen leichten Kuss darauf. »Es ist die volle Wahrheit. Aber das wird dir dein Brautführer gleich bestimmt auch noch sagen.«

 

Ivy sah ihn nachdenklich an. »Du bist aber jetzt nicht gekränkt, dass ich Randy gebeten habe, mein Brautführer zu sein, oder? Eigentlich hätte dir das als dem Älteren zugestanden, aber ich war so böse auf dich.«

 

Matt grinste. »Wirklich? Das habe ich ja gar nicht gemerkt. Nein, mach dir keinen Kopf. Randy ist genau der richtige Mann für diesen Job.«

 

»Schon möglich, trotzdem, jetzt habe ich beinahe ein schlechtes Gewissen.«

 

»Das brauchst du nicht. Es wäre außerdem besser, du würdest dich nun auf das Eigentliche konzentrieren. Für mich wird es nämlich auch langsam Zeit.«

 

Ivy sah ihn überrascht an. »Warum? Hast du Angst, dass du keinen Platz mehr bekommst? Keine Bange, es ist für jeden ein Stuhl da, dafür hat Aka gesorgt.«

 

Matt senkte den Blick. »Ja, natürlich. Aber ich wollte noch kurz in den Stall zu Whina. Sie ist nach der Kolik von letzter Woche immer noch nicht wieder die Alte.«

 

»Matthew Hall! Willst du mich auf den Arm nehmen? Deine Sorge für das Tier in allen Ehren, aber an meinem Hochzeitstag wirst du gefälligst nicht in den Stall gehen, oder willst du, dass es bei der Trauung später nach Pferdemist riecht? Ich hoffe doch nicht. Zumindest diesen Gefallen könntest du mir tun. Schau jetzt bitte, wo deine Freundin ist und dann begebt euch auf eure Plätze. Es wird bald losgehen. Apropos, wo ist Maddy überhaupt?«

 

»Noch auf ihrem Zimmer. Glaube ich jedenfalls.«

 

»Na, dann hopp! Hol sie!«

 

Matt nickte hastig und wandte sich ab.

 

»Ach Matt? Tahuna hast du nicht zufällig gesehen, oder?«

 

Matt drehte sich noch mal um. »Doch! Sie ist in der Lodge.«

 

»In der Lodge? Aber was will sie denn da? Sie ist doch wohl nicht etwa in der Küche? Das habe ich ihr strengstens untersagt, verflixt. Sie soll heute mit uns feiern und nicht die ganze Zeit am Herd stehen. Wozu zum Teufel haben wir sonst den teuren Catering-Service engagiert?«

 

Matt zwinkerte ihr zu. »Ivy, reg dich nicht auf. Tahuna ist nicht in der Küche. Sie …, also sie bereitet eine Überraschung vor.«

 

»Eine Überraschung?«, brummte Ivy. »Ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefällt.«

 

»Es wird dir gefallen«, erwiderte Matt lächelnd. »Ganz bestimmt.«

 

Es klopfte. »Ivy, ich bin es, Randy«, hörte man die Stimme von Matts Bruder durch die Tür. »Ich komme, um dich abzuholen. Bist du bereit?«

 

Matt sah Ivy aufmerksam an. »Bist du?«

 

Ivy nickte. »Oh ja. Das bin ich.« Sie kicherte. »Eigentlich bin ich es schon seit sechzig Jahren.«

 

 

 

Sechzig Jahre. Als Ivy an Randys Arm an der Lodge vorbei zu dem kleinen verwunschenen Teich schritt, der etwas abseits des Farmgebäudes lag und der einst von Duncan Halls Vater angelegt worden war, rauschte die Vergangenheit noch einmal an ihr vorbei. Der Moment, als sie Akahata Neholo kennengelernt hatte. Als er das erste Mal ihre Hand hielt, sie das erste Mal küsste. Die Geburten ihrer sieben Kinder, das Leben hier auf Hall’s Eden mit ihrer großen Familie. Es waren wundervolle Zeiten gewesen und heute sollten sie ihre Krönung finden. Heute würde sie ihn heiraten. Ihren Aka. Ihr Ein und Alles.

 

Wie in Trance schritt sie weiter an Randys Seite, in ihrer linken Hand einen Strauß mit bunten Feldblumen. Sie erreichten den Teich, der umgeben war von hohen Bäumen, in denen weiße Girlanden im Wind flatterten. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als die ersten Klänge von Elvis Presleys »Can’t help falling in love« aus den Lautsprechern ertönte. Das musste Akas Idee gewesen sein- Unglaublich, dass er daran gedacht hatte.

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=5V430M59Yn8

 

 

 

Dieses Lied hatte er ihr einst vorgesungen. Wieder und wieder. Über ein halbes Jahrhundert war das nun her. Sie hatte nach der Geburt ihres dritten Kindes nach einem schweren Blutverlust tagelang mit hohem Fieber im Wochenbett gelegen und die Ärzte waren sich nicht sicher gewesen, ob sie überleben würde. Aber Aka hatte das nicht wahrhaben wollen. Er hatte Tag und Nacht an ihrer Seite gewacht und leise dieses Lied gesungen. Weil sie es so sehr liebte. Genauso wie sie ihn liebte. Bis zum heutigen Tage. Nicht nur, weil sie überzeugt davon war, dass er ihr damals das Leben gerettet hatte. Sie liebte ihn, weil sie gar nicht anders konnte. Aka war ein Teil von ihr.

 

Ivy ging weiter, auch wenn ihre zitternden Knie ihr Sorge bereiteten. Rund um den Teich waren unzählige Stühle aufgestellt worden, auf denen ihre Kinder mit ihren Familien Platz genommen hatten, ebenso die Farmangestellten, die Freunde und zahlreiche Vertreter verschiedener Maori-Stämme aus der näheren Umgebung. Ivy wusste, wie wichtig Aka gerade die Einladung seiner »Brüder und Schwestern« gewesen war. Weil er stolz auf seine Herkunft war, auf seine Traditionen. Deswegen hatte sie ihm auch ausgeredet, an diesem Tag einen Anzug zu tragen, wie er es vorgeschlagen hatte. Es hätte nicht zu ihm gepasst und er hätte sich darin zu diesem Anlass nicht wohlgefühlt.

 

Ihr Blick fiel auf Victoria Hall, die in einem blassrosa Kleid nur wenige Meter vor ihr schritt. Vicky, ihre Brautjungfer, ihre beste und treuste Freundin, mit der sie durch Dick und Dünn gegangen war. Bis hierher und hoffentlich noch ein Stück weiter. Alleine Victorias Anwesenheit beruhigte sie und schon fühlten sich ihre Knie weniger wackelig an.

 

Dann sah sie ihn. Er stand am Kopf des Teiches auf einer kleinen Lichtung unter einem Bogen, der ebenfalls aus bunten Feldblumen gefertigt war, und schaute ihr mit festem Blick entgegen. Akahata Neholo, der trotz seines hohen Alters in der traditionellen Bekleidung eines Maori-Kriegers umwerfend aussah. Barfuß und mit nackten Beinen trug er lediglich einen Lendenschurz aus Harakeke, dem neuseeländischen Flachs, und in seiner Hand hielt er einen mit Schnitzereien verzierten Speer. Auf seinem ebenfalls unbekleideten Oberkörper und auf seinen Armen prangten unzählige Mokos. Tattoos, die er sich zu besonderen Anlässen hatte stechen lassen, wie zum Beispiel zu den Geburten seiner Kinder. Die Mokos waren wie eine Landkarte seines Lebens und der vorerst letzte Eintrag darauf war seine Bitte an sie gewesen, ihn zu heiraten. »Willst du?« Diese beiden simplen Wörter waren auf seiner linken Brust zu lesen, direkt über seinem Herzen. Ivy spürte, dass ihre Beine wieder zu zittern begannen, und sie beneidete ihren zukünftigen Mann ein wenig, der sich an seinem Speer festhalten konnte. Aber nun gut, sie hatte ja Randy, das musste vorerst genügen.

 

Aufgeregt schritt sie weiter auf Aka zu, der neben seinem jüngsten Sohn und Trauzeugen Arama stand, als dieser plötzlich einen Schritt zur Seite trat und den Blick auf einen weiteren Mann freigab, nämlich den, der sie in wenigen Minuten trauen sollte. Ivy blieb wie vom Donner gerührt stehen. Das konnte doch nur ein Scherz sein.

 

»Was ist?«, raunte Randy ihr irritiert zu.

 

»Ethan Buckley?«, erwiderte Ivy mit bebender Stimme. »Ernsthaft? Ein Tierarzt soll uns verheiraten?«

 

»Ihr wolltet doch eine zivile Trauung. Und da Buck seit letztem Jahr offiziell ein Civil Celebrant ist, dachte Matt, es wäre vielleicht eine nette Idee.«

 

Ivy schüttelte fassungslos den Kopf. »Soso, dachte er das. Ich werde ganz schön dagegen ankämpfen müssen, nicht laut loszulachen, das ist euch hoffentlich klar. Der Vieh-Doktor traut uns. Na, wunderbar.«

 

Randy schmunzelte. »Finde ich auch. Wollen wir dann weiter?«

 

Ivy nickte und die beiden gingen wieder los. Für etwa drei Schritte, dann verharrte Ivy erneut.

 

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, wisperte Randy.

 

Ivy drehte ihren Kopf ein wenig zu ihm. »Hinter Buck steht ein Priester, verdammt. Was soll das denn? Ihr wisst doch, dass Aka und ich das nicht wollen.«

 

»Ach der!«, wiegelte Randy ab. »Der ist wegen Maddy hier.«

 

»Wegen Maddy?«, stieß Ivy verdutzt aus, während Elvis Presley weiter aus den Lautsprechern schmachtete.

 

»Na, du weißt doch, dass sie katholisch ist.«

 

»Ja, aber trotzdem verstehe ich nicht, warum …?«

 

Randy lachte verhalten auf. »Mensch Ivy, sind wir heute vielleicht ein wenig schwer von Begriff?«

 

Die alte Dame in dem weißen Seidenkleid runzelte die Stirn, dann aber schaute sie erneut zu ihrem Bräutigam, und bemerkte staunend, dass plötzlich Matt neben ihm auftauchte. Was in Dreiherrgottsnamen …? Sie sah, dass der ältere der Hall-Brüder mit verklärtem Blick an ihr vorbeistarrte. Und in diesem Moment begriff Ivy. Sie hätte sich gar nicht umschauen brauchen, trotzdem tat sie es und erblickte eine strahlend schöne Braut. Madeleine, die begleitet von Tahuna einige Meter hinter ihr den gleichen Weg wie sie selbst genommen hatte.

 

»Also, das ist doch …«, platzte es aus Ivy heraus, deren Herz bis zum Halse schlug.

 

»… hoffentlich eine gelungene Überraschung für dich«, vollendete Randy den Satz. »Können wir dann? Mein Bruder braucht mich nämlich gleich noch als Trauzeuge.«

 

Ivy schluckte hart, konnte es trotzdem nicht verhindern, dass sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel stahl. »Ja, lass und gehen!«, sagte sie leise und strahlend vor Glück. Jetzt würde der Tag vollkommen sein.

 

 

 

Ivy war es nicht alleine, die überglücklich war in diesem Moment. Matt sah seiner Braut entgegen, und fasst hätte er sich gezwickt. Aber er tat es nicht, zu groß war die Angst, dass es am Ende doch nur ein Traum war und nichts weiter.

 

Maddy war so wunder-wunderschön. War es wirklich erst eine Stunde her, dass er sie völlig zerzaust und sexy im Bett zurückgelassen hatte? Auch da war sie hinreißend gewesen, aber dies hier, das sprengte alle Dimensionen. Ihr elfenbeinfarbenes Kleid war aus Organza und Spitze und ihr auf den Leib zugeschnitten. Das ärmellose Oberteil enganliegend mit einem runden Ausschnitt, der die zarte Haut ihres Halses perfekt betonte, der Rock bodenlang und weich fallend. Ihre braunen Haare, die in der Vormittagssonne rötlich schimmerten, waren locker hochgesteckt und in ihnen war ein Kamm mit einem langen weißen Schleier befestigt. Madeleine trug nur einen Hauch von Make Up und ihre Augen hatte sie lediglich mit ein wenig Kajal betont. Mehr war auch gar nicht nötig. Sie sah atemberaubend aus. Wie eine Prinzessin. Seine Prinzessin!

 

Matt stöhnte leise auf, weil sie plötzlich wieder da war. Die Angst, dass er einem Hirngespinst aufsaß. Noch vor einem halben Jahr war er ein Getriebener gewesen. Ein vermeintlicher Mörder ohne eine Aussicht auf eine glückliche Zukunft, ohne die Hoffnung auf einen geliebten Menschen, an dessen Seite er alt werden und ein erfülltes Leben haben würde. Doch dann war Maddy in sein Leben getreten und plötzlich war alles anders gewesen. Ein Buch war zugeklappt worden und ein anderes, ein besseres, hatte sich ihm geöffnet. Weil es sie gab. Von so weit her war sie gekommen und es schien, als wenn der liebe Gott seine Hände im Spiel gehabt hätte, als sie zueinander fanden. Als wenn es so hätte sein sollen. Er wäre verdammt, wenn er sie jemals wieder loslassen würde. Nie, nein nie, würde das geschehen.

 

Matt blinzelte. Ivy war längst an Akas Seite getreten und auch Madeleine erreichte nun die kleine Lichtung unter den mächtigen Bäumen. Sie lächelte ihn scheu an und genauso scheu fasste er nach ihrer Hand. Als sich seine Finger um ihre schlossen, da wusste er es plötzlich. Nichts von alldem hier war ein Hirngespinst. Gut möglich, dass es ein Traum war, aber einer, der wahr wurde. In diesem Augenblick. Mehr als diese Gewissheit brauchte Matt nicht. Nicht jetzt und auch nicht in Zukunft. Und dieses Wissen berauschte ihn geradezu.

 

So war es denn auch kein Wunder, dass das Folgende wie ein Film an ihm vorbeilief. Aka und Ivys zivile Trauung durch Buck, seine eigene mit Maddy, bei der der gute alte Ethan doch beinahe zu heulen anfing, als er seine Ansprache hielt. Oder die Maori-Zeremonie, bei der Aka und Ivy nicht nur den Hongi, den traditionellen Nasenkuss der Eingeborenen Neuseelands, austauschten, sondern auch die Infinity Loops. Die Schleifen der Unendlichkeit, welche sie in Form eines Anhängers an einem Lederband von nun an für immer bei sich tragen würden. Und ebenso wenig registrierte Matt das wunderschöne Liebeslied, das ein paar Enkelinnen von Aka und Ivy mithilfe ihrer Freundinnen den Großeltern zu Ehren sangen: Pokarekare Ana…

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=DjrSTLIByFI

 

 

 

Das alles bekam Matt nur am Rande mit, zu sehr war er in seinen Emotionen gefangen. Wahrscheinlich wäre es ihm auch bei der kirchlichen Trauung mit Madeleine ähnlich ergangen, hätte es ihn nicht doch noch gezwickt. Also nicht er sich selbst, es war vielmehr seine Braut, die ihre wohl manikürten Fingernägel schmerzhaft in seinen Handrücken drückte.

 

Matt fuhr zusammen und unterdrückte nur mühsam einen Schrei.

 

»Aua!«, stöhnte er stattdessen leise und sah Madeleine beleidigt an. »Was sollte das denn?«

 

»Na, du bist witzig!«, fauchte Madeleine ebenso leise zurück. »Wenn du mir gleich vor Gottes Angesicht das Ja-Wort gibst, so würde ich es toll finden, wenn du das bei vollem Bewusstsein tust und nicht nur rein körperlich anwesend bist.«

 

»Ja, sorry!«, erwiderte Matt zerknirscht. »Aber dies hier, das ist alles … irgendwie … zu viel für mich.«

 

»Ach ja?«, antwortete Madeleine mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wenn das so ist, können wir das Ganze auch noch stoppen. Die zivile Trauung ist zwar schon durch, aber ich bin mir sicher, dass man das annullieren …«

 

Überrascht stieß sie einen kleinen Schrei aus, als Matt sich herumdrehte und sie ohne Vorwarnung in seine Arme riss. »Was machst du?«, stieß sie atemlos aus.

 

»Ich sorge dafür, dass du aufhörst, so einen Blödsinn zu reden«, knurrte er und verschloss ihren Mund mit seinen Lippen, küsste sie unter dem tosenden Applaus der Hochzeitsgäste. Als er sich wieder von ihr löste, sah er sie verliebt an. »Alles gut?«, fragte er und streichelte sanft ihre Wange.

 

Madeleine nickte verlegen. »Alles gut!«, erwiderte sie leise.

 

»Nun!«, meldete sich der Priester räuspernd zu Wort. »Nachdem der Bräutigam den Brautkuss vorgezogen hat, würde ich sagen, dass wir den Rest schleunigst nachholen, oder?«

 

»Ich bitte darum«, meinte Matt ernst und griff nach Madeleines Hand.

 

 

 

 

 

Viele Stunden später, als die Dunkelheit das Tageslicht schon längst wieder vertrieben hatte, saßen Matt und Madeleine auf der Veranda der Lodge und sahen lächelnd dem bunten Treiben auf dem Vorplatz zu. Dort hatte Victoria Hall eine gigantische Tanzfläche aufbauen lassen, auf dem sich die Gäste zu der Musik einer vierköpfigen Band tummelten. Mittendrin ein völlig ausgelassener Ethan Buckley und auch Randy hatte sichtlich Spaß. Etwas, dass Matt sichtlich berührte.

 

»Was ist mit dir?«, fragte Madeleine besorgt.

 

»Ach, ich freu mich so«, erwiderte Matt aufgewühlt. »Es ist noch nicht lange her, da dachte ich, dass das Tischtuch zwischen meinem Bruder und mir für immer zerschnitten ist. Und jetzt ist er mein Trauzeuge und feiert auf meiner Hochzeit. Ist glücklich, weil ich es bin. Das ist einfach unglaublich.«

 

»Unglaublich, aber wahr«, meinte Madeleine lächelnd und legte ihre Hand in Matts. »Genieße es doch einfach!«

 

»Das tue ich. Wie ich einfach alles an diesem Tag genieße.« Er zwinkerte ihr zu. »Wo er doch schon so verheißungsvoll begann.«

 

Madeleine errötete. »Nicht so laut, Matt! Nicht, dass Miss Vicky am Ende doch noch mitbekommt, dass wir uns nicht an ihre Anweisung gehalten haben.«

 

»Dass Braut und Bräutigam die letzte Nacht vor der Hochzeit getrennt verbringen sollten?«

 

Sie nickte scheu.

 

Matt grinste. »Also ich bereue nichts.«

 

Madeleine drückte seine Hand. »Ich auch nicht. Ich möchte nur nicht, dass Miss Vicky enttäuscht ist, das ist alles.«

 

Matt sah sie ernst an. »Du magst meine Großmutter sehr, oder?«

 

»Ja, ich hab sie gern. Nein mehr noch: Weil sie einer der wichtigsten Menschen für dich ist, ist sie es auch für mich. So einfach ist das.«

 

Matt beugte sich etwas vor und küsste sie sanft auf die Lippen. »Danke!«, sagte er leise.

 

»Dafür brauchst du dich nicht zu bedanken«, erwiderte Madeleine und zog seinen Kopf wieder näher zu sich.

 

»Eine Frage hätte ich noch«, meinte Matt ein Weilchen später, als sie atemlos voneinander abließen.

 

»Ja?«

 

»Wolltest du nicht alleine zum Altar schreiten? Von wegen selbstbewusste und eigenständige Frau und so? Warum hast du dich dann von Tahuna begleiten lassen?«

 

Madeleine seufzte. »Ach, sie war plötzlich so traurig heute Morgen, als sie mir mit dem Kleid und den Haaren half. Sie hat wohl an Bertrand gedacht. An das, was sie hätten haben können, wenn er nicht so feige gewesen wäre. Ich konnte es nicht ertragen, sie so zu sehen, darum habe ich sie gefragt, ob sie mich begleitet.«

 

»Eine wunderbare Idee.«

 

»Auf jeden Fall eine, die gefruchtet hat. Denn es hat sie offensichtlich auf andere Gedanken gebracht.« Madeleine wies auf die Tanzfläche, wo Tahuna sich mit einem ihrer Brüder trotz ihrer Hüftprobleme zu den Klängen eines langsamen Liedes wiegte.

 

Matt nickte und zeigte ebenfalls auf die Tanzfläche. »Und guck mal da! Das andere Brautpaar sieht aus, als wenn es ebenso frisch verliebt wäre wie wir beide.«

 

Aka und Ivy hielten sich eng umschlungen, während sie sich bedächtig zur Musik bewegten. Plötzlich senkte der hochgewachsene Maori den Kopf und flüsterte seiner Braut etwas ins Ohr.

 

»Was meinst du, sagt er ihr?«, wollte Madeleine wissen.

 

»Ich weiß nicht. Vielleicht ›Taku aroha nui mou‹?«

 

»Was heißt das?«

 

Matt sah sie liebevoll an. »Kannst du dir das nicht denken?«

 

Madeleine nickte lächelnd.

 

»Es war eine wunderbare Feier, oder?«

 

»Ja!«, meinte Madeleine und ihr Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen. »Ich hätte sie mir nicht schöner vorstellen können. Obwohl sie auch anstrengend war. Du meine Güte! Ich habe so viel getanzt wie seit Jahren nicht mehr. Gut, dass Ivy und Aka nicht noch mehr Söhne und Enkel haben, die mich hätten auffordern können, ich fürchte, das hätte ich nicht überlebt.«

 

»Dein Bein?«, fragte Matt besorgt.

 

»Ja. Die neue Prothese ist zwar super, aber für so einen Bewegungsmarathon nun mal nicht ausgelegt.«

 

Matt runzelte die Stirn. »Das ist bedauerlich, denn ich wollte dich gerade jetzt auf einen letzten Tanz entführen.«

 

Madeleine schüttelte den Kopf. »Sei mir nicht böse, Liebling, aber ich kann nicht mehr. Außerdem schau doch mal, die Band legt sowieso gerade eine Pause ein. Vielleicht eine gute Gelegenheit, um sich zurückzuziehen, was meinst du?«

 

Matt antwortete nicht. Er wartete bis auch der letzte Hochzeitsgast das Tanzparkett verlassen hatte. Dann hob er kurz die Hand, als wolle er ein Zeichen geben. Madeleine sah ihn irritiert an.

 

»Komm!«, sagte er leise, stand auf und zog sie mit hoch. Madeleine biss sich auf die Lippen, als ein stechender Schmerz sie durchfuhr. Sie wollte protestieren, wollte Matt aufhalten, aber irgendetwas hinderte sie daran. Also folgte sie ihm humpelnd auf die verwaiste Tanzfläche.

 

Matt drehte sich um und schlang seine Arme um sie. Und ehe sie sich versah, hatte er sie ein Stück angehoben, so dass ihre Füße den Holzfußboden nicht mehr berührten und ihr Bein nicht mehr schmerzen konnte.

 

»Matt, was tust du da bloß?«, wisperte Madeleine, die ahnte, dass zahlreiche Augenpaare auf sie ruhten.

 

»Ich tanze mit dir, was denn sonst?«, meinte Matt und drehte sich so schwungvoll mit ihr, dass Madeleines Schleier hochgewirbelt wurde.

 

»Aber die Musik spielt doch gar nicht.«

 

»Wirklich? Bist du sicher?«

 

Madeleine rollte mit den Augen. »Natürlich bin ich mir sicher. Ich bin schließlich nicht …« Sie verstummte abrupt und ihr Kopf schnellte herum zu dem Platz, an dem die Band ihre Instrumente aufgebaut hatte. Aber nichts! Da war niemand. Die Jungs standen an der Theke und tranken ein Bier, … während sie sie anstarrten. Na super! Aber wenn nicht sie es waren, die da spielten …

 

»Was ist los, Liebes?«, wollte Matt wissen. »Du bist auf einmal so blass.«

 

»Oh mein Gott, nicht schon wieder!«, murmelte Madeleine mit schwacher Stimme.

 

»Was nicht schon wieder?«

 

»Ich …, ich höre es schon wieder. Dieses Lied, verdammt. Matt, das ist doch nicht normal. Ich glaube, ich werde deswegen mal einen Arzt aufsuchen. Ja, das mache ich. Gleich nächste Woche.«

 

Matt lachte verhalten auf und drehte sich ein weiteres Mal mit ihr. Aber viel, viel langsamer und gefühlvoller.

 

Und dann sah Madeleine ihn. Ganz am Ende der Tanzfläche stand er im Scheinwerferlicht mit seiner Gitarre und sang das Lied. Sang »ihr« Lied!

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=cmlKoCO6dt4

 

 

 

»Ed Sheeran?«, hauchte Madeleine völlig perplex. »Aber …, aber das gibt es doch nicht. Er ist es wirklich. Wie …,  wie ist das möglich?«

 

»Er hat vor drei Tagen in Auckland ein Konzert gegeben«, erklärte Matt lächelnd und drückte sie fest gegen sich. »Ich habe mit seinem Manager telefoniert und ihm unsere Geschichte erzählt. Habe gesagt, was dir …, was uns dieses Lied bedeutet. Später hat Ed mich dann persönlich zurückgerufen und als ich ihm sagte, dass wir heute heiraten, hat er unbedingt herkommen wollen. Was ich ihm natürlich nicht ausgeredet habe.«

 

Madeleine versuchte erst gar nicht, die Tränen zu unterdrücken, die sich in ihre Augen schlichen. »Das ist so …, so wunderbar, Matt. Du bist wunderbar!«, schluchzte sie herzzerreißend und schlang ihre Arme um seinen Hals.

 

»Nein du, Madeleine Hall!«, erwiderte Matt jetzt mindestens genauso gerührt wie sie selbst. »Und wie ich dir schon öfters sagte, du bist ›Perfect‹ für mich. Nicht nur heute Abend, du bist es für den Rest meines Lebens. Taku aroha nui mou, mein Schatz.«

 

Madeleine lehnte ihre Stirn gegen seine. »Und ich liebe dich, Matthew Hall!«

 

 

 

 

 

The End